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Bericht über das Wochenend-Seminar für die jüngere tschechische bzw. sudetendeutsche Generation am 20. – 22. Februar 2004 der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Landesgruppe Nordrhein-Westfalen, in Kooperation mit dem Prager Juniorklub der Christdemokraten im „Haus Schlesien“ in Königswinter-Heisterbacherrott


1.Teilnehmerstruktur

Die Teilnehmer kamen gleichmäßig aus der Tschechischen Republik und Nordrhein-Westfalen. Die tschechischen Teilnehmer (ca. 20 – 35 Jahre) hatten sich etwa zur Hälfte bereits intensiv mit der sudetendeutschen Thematik beschäftigt, insbesondere im Rahmen ihres Studiums. Die deutschen Teilnehmer (ca. 18 – 65 Jahre) waren zum Teil noch als Kinder von der Vertreibung betroffen; zum anderen Teil entstammten sie Familien mit sudetendeutschen Wurzeln und waren unterschiedlich über die sudetendeutsch-tschechischen Beziehungen informiert. Alle Teilnehmer haben die deutsche Sprache gut verstanden; zwei Teilnehmer aus der Tschechischen Republik haben bei ihren Diskussionsbeiträgen gelegentlich auf ihre englischen Sprachkenntnisse zurückgegriffen, um ihre Positionen zu verdeutlichen.

2.Tagungsstätte

Das „Haus Schlesien“ war eine hervorragende Tagungsstätte. Es standen ein geeigneter Seminarraum und ausreichende Räumlichkeiten für die Gruppenarbeit zur Verfügung. Bei der technischen Ausstattung fehlt ein Beamer für die Präsentation von Powerpoint-Programmen; die entsprechenden Daten wurden jedoch auf Folie kopiert und mit Overhead-Projektor gezeigt. Die Unterkunft und Verpflegung (Tagungspauschale) sowie Betreuung waren äußerst angenehm. Für die abendlichen Gesprächsrunden im gemütlichen Kreis sind geeignete Räumlichkeiten vorhanden.

3.Programm

Das Programm wurde wie geplant durchgeführt. Gegenüber dem bei der Antragstellung eingereichten Programm gab es folgende Veränderungen: Die für Kurzbeiträge am 21.02.2004 um 20.00 Uhr vorgesehenen Teilnehmer konnten an der Tagung nicht teilnehmen. Dafür wurde das Angebot eines anderen Teilnehmers angenommen, aus seiner Magister-Arbeit über die Vertreibung der Deutschen aus dem Kuhländchen zu referieren. Über die Aktivitäten der tschechischen Organisation INEX zur Erhaltung von Kulturdenkmälern und der Errichtung von Mahnmalen (z.B. in Wekelsdorf / Teplice nad Metuji im Braunauer Ländchen / Broumovsko) wurde im Rahmen der Abschluss-Diskussion am 22.02.2004 berichtet. Auf Empfehlung der Heimatpflegerin der Sudetendeutschen wurde Frau Susi-K. Reimann M.A. zu einem Referat über die Einflüsse der Erlebnisgeneration der Vertriebenen auf ihre Nachkommen eingeladen und an Stelle des Literatur-Vortrags am 22.02.2004 eingesetzt. Diese Thematik passte hervorragend zu den anderen Diskussionsgegenständen und insbesondere zu der Teilnehmerstruktur.

4.Inhalte

20.02.2004, 20.00 – 21.30 Uhr: Bei der Vorstellung haben die Teilnehmer nicht nur ihre Biografie dargelegt, sondern auch über die Herkunft ihrer Vorfahren informiert. Auf diese Weise konnten geografische und historische Kenntnisse – z.B. im Hinblick auf tschechische bzw. deutsche Bezeichnungen von Kommunen und Landschaften – vermittelt bzw. aufgefrischt werden.

21.02.2004, 09.30 – 12.30 Uhr: Mit Referaten von Dr. Günter Reichert und Vojtech Belling wurde der folgende Programmpunkt eingeleitet. In der Diskussion standen die geschichtliche Entwicklung der böhmischen Länder seit der Habsburger Monarchie, die Problematik von Völkerverschiebungen, der Niederlassungsfreiheit bzw. des „Rechts auf die Heimat“ von Volksgruppen und Minderheiten sowie die Auseinandersetzungen um Eigentumsrechte vor nationalen und internationalen Gerichten im Mittelpunkt.

21.02.2004, 14.00 – 18.00 Uhr: Es wurden Arbeitsgruppen zu folgenden Themen gebildet, in denen jeweils deutsche und tschechische Teilnehmer vertreten waren:

(1)
„Was trennt bzw. was verbindet die jüngere tschechische und die nachwachsende sudetendeutsche Generation?“ für die Altersgruppe 18 – 25 Jahre. Diese Arbeitsgruppe problematisierte zwar die „Benes-Dekrete“, diskutierte aber vorrangig zukunftsorientiert. Als trennend wurde die Sprachbarriere definiert, die sich aber – notfalls auch durch das Ausweichen auf die englische Sprache – als nicht hinderlich für einen Dialog erwies. Als verbindend wurden festgehalten: es existieren in der jüngeren Generation keine Vorurteile zwischen Tschechen und Deutschen; das Leben in einem demokratischen System sei eine große Chance für die eigene Entwicklung; man strebe gemeinsam nach Gerechtigkeit und einer beiderseits akzeptierten europäischen Werteordnung; der EU-Beitritt der Tschechischen Republik werde begrüßt; man habe gemeinsame Interessen (z.B. Küche, Party, soziales Leben, Reisen).

(2)
„Was trennt bzw. was verbindet die jüngere tschechische und die nachwachsende sudetendeutsche Generation?“ für die Altersgruppe 30 – 65 Jahre. In dieser Arbeitsgruppe wurden zunächst die tschechischen Teilnehmer gebeten, aus der internen Diskussion in der Tschechischen Republik über die „sudetendeutschen Themen“ zu berichten. Daraus entspann sich eine lebhafte Diskussion über die Behandlung der „Benes-Dekrete“, des Themas „Vertreibung“, der Restitutionsprobleme und der Sudetendeutschen Landsmannschaft durch die politischen Repräsentanten, die Medien und die Gerichte in der Tschechischen Republik, in der Bundesrepublik Deutschland und auf europäischer Ebene.

(3)
Vertiefte Auseinandersetzung mit den Einführungs-Referaten von Dr. Günter Reichert und Vojtech Belling.
Die tschechischen Teilnehmer in dieser Gruppe kritisierten grundsätzlich die Auseinandersetzung mit den von Dr. Reichert und Belling vorgelegten Thesen. Die Enteignung, Ausbürgerung und Vertreibung der Sudetendeutschen sei eine gerechte und von der Potsdamer Konferenz beschlossene Strafe für die Verantwortung der Deutschen für die Unterdrückung der Tschechen und den Zweiten Weltkrieg gewesen. Sie verlangten, die Vergangenheit ruhen zu lassen und sich mit Zukunftsfragen zu beschäftigen. Demgegenüber betonten die deutschen Teilnehmer, dass Unrecht ein Unrecht bleibe und durch vorangegangenes Unrecht vielleicht erklärt, aber nicht gerechtfertigt werden könne. Nur eine gemeinsamen Aufarbeitung der Vergangenheit könne vertrauensvolle und nachhaltige gemeinsame Schritte in die Zukunft ermöglichen.

(4)
Analyse einer Rundfunksendung im Deutschlandfunk vom 17.02.2004 unter dem Titel „Der sudetendeutsche Komplex“, in der mit Petr Prihoda und Anton Otto zwei Persönlichkeiten porträtiert wurden, deren Familien tief in das tschechisch-sudetendeutsche Schicksalsgeflecht verwoben sind, die sich aber heute als Vorreiter der Versöhnung engagieren. Sowohl das Leben und Wirken der dargestellten Persönlichkeiten als auch die Darstellung in der Rundfunksendung wurden als außerordentlich eindrucksvoll empfunden. Die Sendung sei sehr für die politische Bildungsarbeit zu empfehlen; die Fundstelle im Internet wurde genannt.

Bei der Berichterstattung im Plenum entspann sich ausgehend von der Darstellung des Diskussionsverlaufs in der Arbeitsgruppe (3) eine heftige und in hohem Maße kontroverse Diskussion über die Legitimität von Vertreibungen, wobei die Argumentationen auch innerhalb der nationalen Teilnehmergruppen gegensätzlich waren und blieben. In der deutschen Gruppe war die Spannweite zwischen der Forderung von eindeutiger Verurteilung aller Vertreibungen bis zu einer resignativen Position, dass es bei entsprechenden Konstellationen immer wieder Vertreibungen geben werde, jedoch weit geringer als innerhalb der tschechischen Gruppe, in der eindeutige Bejahung und Rechtfertigung der Vertreibung der Sudetendeutschen gegen Entschuldigung und Bereitschaft zur Aufarbeitung der beiderseitigen Belastungen standen.

21.02.2004, 20.00 – 21.30 Uhr: Der tschechische Student Jan Cibulka referierte – mit Folien begleitet – aus seiner Magister-Arbeit über die Geschichte der Menschen im der Region Odrau / Odry in Mähren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Diese Region war über Jahrhunderte weg zu über 90 % deutsch besiedelt. Nach 1919 erfolgte ein starker Zuzug von tschechischen öffentlichen Bediensteten. Bei den Parlamentswahlen haben die Deutschen – im Vergleich zum gesamten Sudetenland – immer und auch noch im Jahr 1935 prozentual stärker für die „aktivistischen“ Parteien gestimmt. Aufgrund von Dokumenten aus Archiven der Tschechischen Republik konnte Cibulka die deutschen Opfer bei dem Umsturz sowie der „wilden Vertreibung“ im Jahr 1945, die Verfahren bei der organisierten Vertreibung im Jahr 1946, die Anzahl der Transporte etc. sehr detailliert wiedergeben. Heute kämen wieder viele ehemalige Bewohner – zum Teil in Reisegruppen – in ihre Heimatorte und seien dort gern gesehene Gäste, die auch von den offiziellen Stellen empfangen und betreut würden. In der Diskussion wurden sowohl von tschechischen als auch von deutschen Teilnehmern nicht nur Einzelheiten nachgefragt oder eigene Erlebnisse als Ergänzung beigesteuert, sondern insbesondere betont, dass diese Ausführungen nach der harten und zum Teil emotional geführten Diskussion am Nachmittag sehr hilfreich gewesen seien.

22.02.2004, 09.30 – 11.00 Uhr: Susi-K. Reimann M.A. referierte einige Ergebnisse ihrer Untersuchung auf der Basis von narrativen Interviews mit Sudetendeutschen, die die Vertreibung noch als Kinder erlebt haben oder nach der Vertreibung geboren wurden. Dabei seien vielfache Unterschiede festzustellen, wobei sich eine Trennung im Geburtsjahr 1950 abzeichnet. Diese betreffen vor allem die Komplexe, wie die neue Umgebung auf die fremden Flüchtlinge bzw. Vertriebenen bzw. wie man selbst auf die neue, unbekannte Umgebung reagiert habe, z.B. ob man im engen Familienverbund geblieben ist oder sich am örtlichen Vereinsleben beteiligen konnte oder wollte, ob man den örtlichen Dialekt angenommen und gebraucht oder abgelehnt habe. Unterschiede zeigten sich auch bei dem Heimatempfinden der einzelnen Altersgruppen, wobei vielfach ein „doppeltes Heimatbewusstsein“ festzustellen sei. Die Einstellungen zu dem tschechischen Volk seien durchweg als interessiert und offen zu bezeichnen; man erinnere sich nicht an negative Kontakte; eventuell vorhandene Hassgefühle der älteren Generation würden von der nachwachsenden Generation nicht übernommen. In der Diskussion wurde insbesondere der Aspekt der Wurzellosigkeit vertieft, die sowohl bei den Menschen eine Rolle spielt, die gegen ihren Willen von ihrer Heimat entfernt wurden, als auch bei den Menschen, die zwangsweise in den entleerten Gebieten der Vertriebenen angesiedelt wurden.

22.02.2003, 11.15 – 12.00 Uhr: In der Abschluss-Diskussion wurde von allen Teilnehmern unterstrichen, dass diese Veranstaltung als wichtiger Beitrag zur eigenen Meinungsbildung sowie als Anregung zur weiteren Beschäftigung mit der sudetendeutsch-tschechischen Thematik bewertet wird. Die während der Tagung deutlich gewordenen konträren Bewertungen einzelner Tatbestände wurde in diesem Zusammenhang ausdrücklich als hilfreich bewertet. Dabei sei es für den allgemeinen Gesprächsablauf erleichternd gewesen, dass die Differenzen nicht zwischen dem deutschen und dem tschechischen Teilnehmerblock, sondern auch innerhalb der einzelnen Gruppen aufgetreten sind. Von den tschechischen Teilnehmern wurde bedauert, dass das Programm nur Seminar-Einheiten zur sudetendeutsch-tschechischen Problematik enthielt, aber keine Gelegenheit zur Besichtigung von kulturell oder geschichtlich bedeutsamen Stätten in der Umgebung der Tagungsstätte (z.B. in Bonn oder Köln) bzw. zur Teilnahme an regionalen Brauchtumsveranstaltungen (Karnevals-Wochenende!) geboten hat.

Es wurde ins Auge gefasst, sich künftig über eMail-Kontakte auszutauschen und gegenseitig auf interessante Literatur, Meinungsäußerungen oder Veranstaltungen – auch anderer Träger – aufmerksam zu machen sowie nach Möglichkeit im Herbst 2005 eine ähnliche Veranstaltung in Olmütz / Olomouc in Kooperation mit dem dortigen Germanistik-Lehrstuhl (mit Zwischenstation zum Dialog mit den Teilnehmern aus bzw. in Prag / Praha) durchzuführen. Dabei sollten die deutschen Teilnehmer wegen der weiten Anreise und im Hinblick auf gemeinsame Landschafts- und Kulturgüter-Erkundung einen längeren Zeitraum (insgesamt eine Woche) vorsehen.