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Junge Tschechen und Sudetendeutsche im Dialog

von Ute Flögel



Es war ein Experiment, das der Bundesregierung, dem Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds und der Sudetendeutschen Stiftung die finanzielle Förderung wert war: junge Tschechen mit jungen Nachfahren von vertriebenen Sudetendeutschen ins Gespräch zu bringen. Veranstaltet von der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Landesgruppe Nordrhein-Westfalen, in Kooperation mit dem Prager Juniorclub der Christdemokraten trafen sich etwa 30 Teilnehmer zu einem Wochenend-Seminar im Haus Schlesien in Königswinter-Heisterbacherrott bei Bonn.

Die einführenden Referate von Günter Reichert, der das Seminar als SL-Landesobmann organisiert hatte, und Vojtech Belling, dem Vorsitzenden des Prager Juniorclubs der Christdemokraten, gaben die Stichworte für die nachfolgenden Diskussionen zum deutsch/sudetendeutsch-tschechischen Verhältnis nach dem Eintritt der Tschechischen Republik in die Europäischen Union.

Reichert skizzierte die Standpunkte der Sudetendeutschen Landsmannschaft:
die Vertreibung und Enteignung der Deutschen als ein fortgeltendes Unrecht zwischen Tschechen und Deutschen, insbesondere Sudetendeutschen;
die Notwendigkeit, die nicht vertretbare Weitergeltung der gegen die Sudetendeutschen und Magyaren gerichteten völkerrechtswidrigen so genannten Benes-Dekrete von 1945/46; eine Wiederherstellung bzw. Wiedergutmachung der verletzten Rechte der Sudetendeutschen, insbesondere ihres Eigentumsrechtes;
kulturelle Zusammenarbeit zum Schutz der Kulturgüter in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien;
Ausgleich mit der Tschechischen Republik, der den Sudetendeutschen das Recht auf ihre Heimat grundsätzlich wieder gewährt.

Vojtech Belling wies auf das „Erbe der Vergangenheit“ hin, das die grundsätzlich guten deutsch-tschechischen Beziehungen belaste, und plädierte dafür, sich der Vergangenheit zu stellen, da irgendwelche Schlussstriche eine Illusion seien. Er bezeichnete die Vertreibung der Deutschen aus den Ländern der böhmischen Krone als „eine der tragischsten Begebenheiten in der modernen Geschichte des tschechischen Staates und Mitteleuropas“, die auch durch geschichtliche Begründungen nicht zu rechtfertigen sei.

Zu sehr offenen Diskussionen und Meinungsäußerungen führte die Beschäftigung mit ausgewählten Themen in kleineren Arbeitsgruppen, deren Ergebnisse anschließend im Plenum vorgetragen und weiter erörtert wurden. Die Standpunkte differierten nicht nur zwischen Tschechen und Deutschen, sondern auch innerhalb der nationalen Gruppen sowie zwischen älteren und jüngeren Teilnehmern. Da gab es einzelne Verfechter einer ganz harten nationalistischen Linie auf tschechischer Seite:
Die Vertreibung sei im Vergleich zur Entfesselung des Zweiten Weltkriegs weniger böse gewesen, Vaclav Havel habe sich entschuldigt und damit sei der Fall für sie erledigt. Im Übrigen gebe es Vertreibungen als Mittel der Politik noch heute, und sie seien in bestimmten Fällen auch zu rechtfertigen. Die junge Generation interessiere sich nicht für Geschichte, sondern für die Gegenwart, für Arbeit, Industrieansiedlung, ein gutes Einkommen.

Eine Gruppe kam jedoch zu dem Schluss, dass es mehr Verbindendes als Trennendes zwischen jüngeren Tschechen und Deutschen gebe, so z. B. der gemeinsame Kampf für Gerechtigkeit, dem in einigen Jahren vielleicht auch die Benes-Dekrete zum Opfer fallen würden, den EU-Beitritt der Tschechischen Republik, in dem vor allem Vorteile und Chancen gesehen werden, der Hochschätzung eines Lebens in einer Demokratie, dem Streben nach beruflichem Erfolg, Interesse an Familie, sozialem Leben, Reisen und dem Feiern von Partys. Die Sprache wurde sowohl als trennendes – wenn man sich nicht verständigen kann – wie als verbindendes Element – wenn man jeweils die des Nachbarn lernt bzw. im Notfall Englisch spricht – eingeordnet.

Am schwierigsten gestaltete sich die Bewertung der (die Deutschen und Ungarn betreffenden) Benes-Dekrete: ein Teil der jüngeren deutschen Teilnehmer forderte, sie müssten alle aufgehoben werden; sie sollten zum Teil weg, plädierten einige auf deutscher wie auf tschechischer Seite; es sei nicht möglich, sie aufzuheben oder es sei noch zu früh, argumentierten vor allem die tschechischen Gäste. Einig waren sich die jungen Leute in dieser Gruppe aber, dass Mord, Vertreibung und Diebstahl nicht zu rechtfertigen seien.

In der Arbeitsgruppe mit etwas älteren Teilnehmern spielte das Schicksal der Sudetendeutschen eine größere Rolle. Seitdem der damalige Staatspräsident Vaclav Havel sein Bedauern über die Vertreibung geäußert habe, sei es auch bei jungen Tschechen ein Thema.

Alle jungen Leute hätten eine Meinung dazu, wurde von einem Tschechischen Teilnehmer geäußert, aber mehr oder weniger Kenntnisse, die ihnen meist von Eltern oder Großeltern und weniger in der Schule vermittelt worden seien. Die Mehrheit habe eine negative Ansicht über die Sudetendeutschen. Die meisten verteidigten auch die Benes-Dekrete, hätten aber wenig Ahnung, was sie beinhalten. Das Interesse an dem tschechisch-(sudeten)deutschen Verhältnis sei durchaus vorhanden, aber auch bei Studenten traditionell-nationalstaatlich geprägt. Ein Problem sei, dass die sozialwissenschaftliche Forschung – wie in jedem postkommunistischen Land – in der Tschechischen Republik noch unterentwickelt sei.

Einige Teilnehmer aus der Tschechischen Republik, die sich als Studenten wissenschaftlich mit der Thematik befassen, bezeichneten die Politik von Edvard Benes als falsch im Hinblick auf das Schicksal der Deutschen wie der Tschechen. Sie äußerten die Überzeugung, dass die Einstellung der jüngeren Generation gegenüber Benes und seinen Dekreten mit der Zunahme der Information über deren Inhalte kritischer werden würde. An die Sudetendeutschen wurde appelliert, sie sollten bedenken, dass sich die Tschechische Republik erst seit 14 Jahren in der Reformzeit befinde. Sie sollten in Bezug auf ihren tschechischen Nachbarn mehr fördern als fordern.

In einer vierten Arbeitsgruppe stand eine Rundfunksendung über die Lebenswege eines Tschechen und eines Sudetendeutschen zur Diskussion, deren Familien von der jeweils anderen Seite schweres Leid erfahren und gleichzeitig zum Teil auch Schuld auf sich geladen hatten, die sich durch das persönliche Kennenlernen aber vom gegenseitigen Hass zu Aktivisten der Versöhnung entwickelten. Die Möglichkeit, durch eine neue Idee, nämlich als Christen und nicht als Mitglieder verschiedener Völker zueinander zu finden, löste breite Diskussionen aus.

Neue Sichtweisen in den tschechisch-sudetendeutschen Beziehungen eröffneten die Referate von Jan Navratil und Jan Cibulka, tschechische Studenten der Universität Olmütz/Olomouc, die sich – angeregt durch die Vernetzung der eigenen Familiengeschichte mit dem Vertreibungsgeschehen – der Geschichte der Vertreibung der Sudetendeutschen aus dem Kuhländchen widmeten. Eine alte Wanduhr in seinem Elternhaus, die der Urgroßvater als gestohlenes Eigentum von Deutschen nach der Vertreibung identifiziert hatte, habe ihn zur Erforschung der Geschichte angeregt, berichtete Jan Cibulka. Aufgrund von Zahlenmaterial und Dokumenten aus den – nach der Wende geöffneten – Archiven in Neutitschein (Novy Jicin), Troppau (Opava), Odrau (Odry) und aus Privatbesitz entstand ein wissenschaftlich fundiertes Bild über das wechselhafte Zusammenleben zwischen Tschechen und Deutschen im Bezirk Odrau (Odry) und über die verschiedenen Stufen der Vertreibung der Deutschen.

Eine interessante Ergänzung zu dieser Forschungsarbeit von tschechischer Seite bot die wissenschaftliche Untersuchung von Susi-Katharina Reimann (Würzburg) über die Auswirkungen der Vertreibungserlebnisse der älteren Generation der Sudetendeutschen auf die Einstellungen der nachwachsenden Generationen zum deutsch/sudetendeutsch-tschechischen Verhältnis.

Im Hinblick auf die Integration der Nachkommen von Vertriebenen gebe es eine Zäsur zwischen den vor und nach 1950 Geborenen, stellte die Referentin fest. Erstere hätten sich im neuen Zuhause als Eindringlinge empfunden, oft vom öffentlichen Leben ferngehalten, als Heimat nur die alte Heimat verstanden oder sich nirgends zugehörig gefühlt. Vielen sei die Heimat gut bekannt aus den Erzählungen. Sie seien meist jedoch getriebene Menschen auf der Suche nach der unbekannten Komponente ihrer Identität.

Die zweite Generation habe meist ein sehr offenes Verhältnis den Tschechen gegenüber. Sie habe bereits eine objektivere Sicht der Eltern übernommen oder sich von deren belasteten Erlebnissen gelöst. In Einzelfällen habe das Vertreibungsschicksal der Vorfahren jedoch sogar psychopathische Auswirkungen auf die Kinder und Enkelkinder. Insgesamt seien die Nachfahren der vertriebenen Sudetendeutschen auch in der 2. Generation noch gekennzeichnet durch häufiges Umziehen, sie fühlten sich nirgends sesshaft, bestimmten ihren Wohnort eher rational als emotional.

Eine vollständige Integration, so ergänzte die Referentin, gebe es nach einer amerikanischen Studie erst in der 3. Generation. Die Referentin wies darauf hin, dass es nicht leicht gewesen sei, die Kinder und Enkelkinder von Vertriebenen zu Aussagen über ihre Einstellung zu den Erlebnissen der Vorfahren zu bewegen. Wie sich dann herausstellte, war diese Weigerung aber ein Zeichen dafür, dass auch sie betroffen und belastet waren aufgrund der Erzählungen oder dem Schweigen der Eltern und Großeltern. Letztendlich seien sie froh gewesen, dass sie nach den Augenzeugen nun einmal selbst zu Wort kommen konnten.

Die Erfahrung, dass die Nachfolgegenerationen der Vertriebenen dem Thema Vertreibung mit besonderer Hartnäckigkeit auszuweichen versuchen, mussten auch die Veranstalter des Seminars machen. Bei den Nachkommen der sudetendeutschen Vertriebenen in der Bundesrepublik Deutschland war das Interesse an dem ausgeschriebenen Seminar und seiner Thematik weit geringer – gegen die Einladungsschreiben gab es zum Teil sogar brüske Verwahrung – als bei den jungen Tschechen. Diese nutzten zum Teil die günstige Gelegenheit, für ein paar Tage nach Deutschland zu reisen, mit jungen Deutschen in Kontakt zu kommen und die – meist recht gut erlernte – deutsche Sprache zu üben oder waren speziell am Thema Vertreibung bzw. dem sudetendeutsch-tschechischen Zusammenleben in Vergangenheit und Zukunft interessiert und überdurchschnittlich gut informiert. Sie stellten allerdings fest, dass sie noch eine kleine Minderheit in der Tschechischen Republik seien. In den Wirtshäusern sei das Thema zwar präsent, aber immer mit einer vorgeprägten Meinung und wenig objektiver Information. Das Interesse nehme aber zu, zunächst vor allem unter Historikern. Und mit zunehmender Information werde sich auch die Einstellung ändern.

Trotz der unterschiedlichen Motivationen und der zum Teil gegensätzlichen Meinungen und heftigen Dispute wurde das Seminar von allen Teilnehmern als ein Erfolg versprechender Beginn zum gegenseitigen Verständnis und zur Kontaktaufnahme zwischen jungen Tschechen und den Nachfahren von vertriebenen Sudetendeutschen bewertet. Die Anschriften, eMail-Adressen und Telefonnummern – insbesondere für „Handys“ – sind ausgetauscht, gegenseitige Besuche und eine Fortführung der Seminararbeit – wahrscheinlich das nächste Mal in Prag und Olmütz – sind geplant.